Winterzeit ist Lesezeit. Teil 7

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Das Patentrezept für jeden müßigen Wintertag? Ein behagliches Plätzchen, eine warme Kanne Tee und natürlich: ein gutes Buch. Sollte es Ihnen dabei noch an geeignetem Lektürematerial mangeln, wir hätten da noch ein paar Leseempfehlungen – die wir gern mit Ihnen teilen. 

Mit charmanter Leichtigkeit: Émile Zolas „Die Früchte des Meeres“

Französischer Romancier des 19. Jahrhunderts und Begründer der literarischen Strömung des Naturalismus mit vier Buchstaben? Das kann natürlich nur Émile Zola (1840-1902) sein. Zwar tat Zola sich auch als Maler und Journalist hervor, als Schriftsteller zeigte er jedoch eine Schaffenskraft, die ihn zu einem der produktivsten französischen Autoren überhaupt machten. Einhergehend mit dem auf dem Kamin seines Arbeitszimmers in Médan aufgemalten Lebensmottos Nulla dies sine linea („Kein Tag ohne eine Zeile“) pflegte er mehr als 30 Jahre lang einen striktem Tages- und Arbeitsrhythmus, als dessen Ergebnis er als Bestsellerautor an seinem Lebensende eine immense Zahl an Werken, darunter allein über 20 Romane im berühmten Zyklus „Die Rougon-Macquart“, aber auch Dutzende an Theaterstücken, Novellen und Kurzgeschichten vorzuweisen hatte. Ein wahres literarisches Vermächtnis, in dem er ein ums andere Mal Gesellschaftspanoramen ausbreitete, die das Leben ganzer Familien über Generationen hinweg detailreich untersuchten – dabei immer wieder aber auch sozialkritisch die krassen Gegensätze zwischen arm und reich, die Ausbeutung der Arbeiterklasse und die Dekadenz der Bourgeoisie spiegelten. Ziel seines Schreibens war es stets, die Realität so abbilden, wie sie war, mit Fokus vor allem auf die dunklen Seiten des Lebens und die Determination des Menschen durch Milieu und Erbe, ähnlich einem medizinischen oder soziologischen Experiment. All dies stets versehen mit fesselnden und lebendigen Figuren, die ‘nachfühlbar‘ menschliche Leidenschaften verkörpern.

Diesem naturalistischen (Selbst)Anspruch werden in der Langform insbesondere Zolas Romane gerecht – in nicht minder überzeugenderer, dafür kondensierterer Form aber auch seine Kurzgeschichten und Novellen. Zwei herausragende Zola-Novellen sind unlängst als überaus wohlgestaltetes Büchlein erschienen: „Die Muscheln des Monsieur Chabre“ (1882) und „Das Fest in Coqueville“ (1890). Beide teilen den Bezug zur See (ganz klar: mare Verlag!), beide Novellen sind trotz ihres vermeintlichen Alters auch mehr als 100 Jahre nach ihrer Entstehung eine (Wieder)Entdeckung wert – dank Zolas feinsinnigem Humor, seiner herausragenden Beobachtungsgabe für die kleinen und großen Details – und seiner Gabe, Geschichten punktgenau zuzuspitzen. Eben echte Klassiker-Weltliteratur.

Monsieur Chabre, Getreidehändler im Vorruhestand und nicht mehr ganz so junger, dafür umso beleibterer Ehemann der jungen schönen Estelle, ist von einem sehnsuchtsvollen Lebenswunsch erfüllt: endlich Vater zu werden. Zwecks Steigerung der Potenz rät sein Arzt ihm zu reichlichen Verzehr von Meeresfrüchten – was liegt also näher als ein Aufenthalt an der Atlantikküste. Gemeinsam reist das Paar also an die bretonische Küste, mietet sich im kleinen Dorf Piriac ein – und tatsächlich: neun Monate später bringt Madame Chabre den ersehnten Stammhalter zur Welt. Fraglich nur, ob dies jetzt an den Austern und Garnelen gelegen haben mag oder vielleicht doch eher an dem charmanten jungen Bretonen namens Hector, den beide während ihres Fruchtbarkeitsurlaubs kennengelernt haben. Fein gesponnene, süffisant auserzählte Geschichte.

Es ist wie eine Geschichte aus einer Shakespeare-Tragödie: Die gut 200 Bewohner des kleinen, abgeschiedenen, von der Außenwelt isolierten (fiktiven) Dorfes Coqueville leben nicht nur seit eh und je vom Fischen im Meer, sondern scheinbar auch schon immer im Zwist miteinander. Seit Jahrhunderten sind sich die Familien der Mahés und der Floches spinnefeind. Als der junge Delphin von den armen Mahés sich unsterblich in Margot, eine Tochter der wohlhabenden Floches verliebt, scheint eine blutige Fehde im Stile von „Romeo und Julia“ unausweichlich. Aber dann spült die Flut geheimnisvolle Fässer eines havarierten englischen Segelschiffs an den Strand von Coqueville – und schon bald liegen sich Menschen, die sich eben noch mindestens gegenseitig die Pest an den Hals gewünscht haben, berauscht in den Armen… Hochprozentig maritimer Lesegenuss für die heimische Couch. Ein Genuss.

Émile Zola: „Die Früchte des Meeres“

mare Verlag, 189 Seiten (Leineneinband im Schuber)