Hilfe für Vögel in Not

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Vögel gehören zu unseren täglichen Begleitern, wir sehen sie jeden Tag und erfreuen uns an ihrem Gesang. Doch die Bestände der heimischen Vogelarten gehen seit Jahren zurück, unter anderem bedingt durch zahlreiche Unfälle und weitere menschliche Einflüsse. Deshalb hat sich der Nabu Jena die Aufgabe gestellt, mit der Wildvogelhilfe verletzten und hungernden Vögeln wieder auf die Beine zu helfen.

„Die Nabu Wildvogelhilfe Jena gibt es jetzt seit ungefähr zwei Jahren, pro Jahr werden von uns zwischen 350 und 400 verletzte Vögel aufgenommen. Die intensivste Phase ist für uns immer die Brutzeit Ende März und Anfang April, dann kommen wirklich jeden Tag Anrufe über Vögel in Not bei uns an. Wir nehmen nahezu alles auf, was Federn hat, fliegen kann und Hilfe benötigt – vom Sperling und der Kohlmeise bis hin zu Turmfalken, Sperbern und Stockenten mit Hundebiss. Auch ein Schwan war schon dabei. Der etwas unschöne Rekord liegt aktuell bei 40 Anrufen an einem Tag“, erzählt Arbeitsgruppenleiterin Anna-Josefine Sonntag vom Nabu Jena gleich zu Beginn unseres Gespräches und lässt einen mit dieser Zahl erschrecken und erstaunen zugleich.

Bis zu 40 Anrufe über Vögel in Not allein in der Wildvogelhilfe Jena? „Ja, das kommt schon vor. Es gibt einfach zu wenig Pflegestellen für Wildvögel in der Umgebung. Auch der Nabu konnte den Vögeln lange Zeit nicht helfen, weil er in Jena keine eigene Pflegeeinrichtung vorweisen konnte. Deshalb haben wir uns entschlossen, dieses wichtige Thema anzugehen und eine Wildvogelhilfe einzurichten.

Anna-Josefine Sonntag (Mitte) und Teile des Wildvogelhilfe-Teams.
Foto: Michael Stocker

Aktuell sind wir ein Team von 13-15 Personen, die ehrenamtlich die Vögel bei ihrem Heilungsprozess unterstützen. Das geschieht teilweise in unseren privaten Räumlichkeiten, in denen wir die Intensivpflege übernehmen oder in unseren Außenvolieren, wenn es der Gesundheitszustand der Vögel zulässt.“

Der Bedarf an einer solchen Krankenstation für verletzte Vögel war und ist groß, das spüren die Helferinnen und Helfer der Wildvogelhilfe jeden Tag aufs Neue. Seit sie ihren Dienst aufgenommen haben, sind ständig gefiederte Patienten in Pflege zu finden. Aber wie funktioniert der Ablauf genau? „Werden wir zu einem Unfallort gerufen oder wird ein verletztes Tier bei uns abgegeben, ist die erste Frage, ob der Vogel tierärztlich versorgt werden muss. Das ist zum Glück nicht immer der Fall. Anschließend findet er seinen Platz – je nach Schweregrad der Verletzung – zunächst in der Intensivpflege oder eben in den Außenvolieren“, erklärt Anne-Josefine Sonntag den Aufnahmeprozess der verletzten Vögel. „In den Außengehegen können sich die Tiere bei ausreichend Platz auskurieren, die Flugmuskulatur neu trainieren und manchmal sogar erst einmal das Fliegen überhaupt erlernen.“

Ein junger Eichelhäher erholt sich von seinen Verletzungen.
Foto: NABU Wildvogelhilfe Jena

Zu den häufigsten Verletzungen gehören Kollisionen mit Glasscheiben, dicht gefolgt von Zusammenstößen mit Fahrzeugen. Die Folge sind meist gebrochene Flügel, häufig einhergehend mit neurologischen Aussetzern. Auch Katzenangriffe und Hochspannungsmasten sind eine riesige Gefahrenquelle, nicht selten haben Unfälle mit Stromleitungen schwerste Schäden zur Folge. In der jetzt beginnenden Brutzeit kommen allerdings auch zahlreiche abgemagerte Jungvögel in der Wildvogelhilfe an. Bedingt durch Klimawandel und die Versiegelung vieler Naturflächen, mangelt es den Vögeln mittlerweile an Insekten zur ausreichenden Ernährung.

Wenn Anna-Josefine Sonntag über das ehrenamtliche Arbeitspensum in der Wildvogelhilfe spricht, kann man nur den Hut vor der Leistung der Tierliebhaberin und ihres Teams ziehen. Den größten Anteil der Zeit beansprucht die tägliche Reinigung der Volieren und der Vogelboxen in der Intensivpflege, dazu kommt das Füttern und die individuelle Betreuung der Vögel. Aber auch Aufgaben wie die Annahme von Notrufen und anstehende Tierarztbesuche, in Notfällen auch außerhalb der vereinbarten Termine, stehen tagtäglich an und müssen organisiert werden – und eine riesige Menge an Bürokratie, denn jeder aufgenommene Patient muss gemeldet werden.

Fast wieder genesen: der Turmfalke kann bald entlassen werden.
Foto: Michael Stocker

Auch psychisch kann die Arbeit schon einmal belastend werden. „Es gibt immer wieder Fälle, in denen man alles getan hat, um den Vogel zu retten. Trotzdem bleibt nicht aus, dass ein Vogel es nicht schafft. Das ist nicht immer leicht und tut manchmal ganz schön weh. Aber wir wissen alle: auch das gehört dazu, gerade wenn es sich wie unsere Arbeit um eine Nothilfe handelt.“

Um weiterhin Vögeln in Not helfen zu können, braucht die Wildvogelhilfe neben den benötigten Arbeitskräften und der investierten Zeit auch Geld. „Klar, das muss alles bezahlt werden. Tierarztkosten, Vogelfutter, Materialkosten für Reparaturarbeiten, das gibt es nicht umsonst. Wir finanzieren uns durch Spenden und betreiben deswegen viel Öffentlichkeitsarbeit, bei der wir größtenteils auch gleichzeitig viel positives Feedback für unser Tun bekommen. Das freut uns natürlich sehr und bestärkt uns in unserer Arbeit.“

Wer ebenfalls verletzten Vögeln helfen möchte, greift am Besten dem Team direkt unter die Arme – denn Wildvögel in den eigenen vier Wänden wieder aufzupäppeln, ist gar nicht so leicht umsetzbar. „Es gibt eine Menge Bestimmungen, die beachtet werden müssen. Wir sind zum Beispiel bei den Behörden gemeldet, haben Schulungen zur richtigen Pflege und Haltung besucht und müssen einen Sachkundenachweis vorlegen“, weist Anna-Josefine Sonntag auf die bestehende Rechtslage hin. „Aber natürlich darf und sollte jeder einem Tier in Not zunächst einmal helfen, das ist klar.“

Junge Rauchschwalben in der Obhut der Wildvogelhilfe.
Foto: NABU Wildvogelhilfe Jena

Tatkräftige Unterstützung ist jedenfalls stets willkommen. „Wir haben immer Bedarf für Vogelfütterung und Reinigung der Volieren. Auch bräuchten wir dringend Hilfe bei den Transportfahrten zum Tierarzt oder zur Unfallstelle, denn unser Aufnahmeradius ist groß: Die nächste Wildvogelhilfe findet sich leider erst in Leipzig.“ Perspektivisch sucht die Wildvogelhilfe auch nach einem neuen Grundstück, da nicht genau abzusehen ist, wie lange das Gelände mit den Volieren noch genutzt werden kann.

Die schönsten Momente erleben die fürsorglichen Vogelfreunde natürlich immer dann, wenn die Vögel in die Freiheit entlassen werden. Meist passiert das an den Wochenenden, dann werden alle genesenen und fitten Vögel an geeigneten Orten rings um Jena wieder ausgewildert. „Es ist jedes Mal ein schönes Gefühl, wenn die Vögel losfliegen, als wenn nichts gewesen wäre. Das möchte niemand von uns mehr missen“.

Sie möchten spenden oder sich aktiv an der Wildvogelhilfe beteiligen? Alle wichtigen Infos finden sie auf www.nabu-jena.de/wildvogelhilfe-jena!

Text: Michael Stocker
Dieser Text erschien in Ausgabe Nr. 158 im Stadtmagazin07.