Hubertus Koch: „Ich bin einfach abgehauen.“

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Hubertus Koch ist bekannt für seine politische Reportagen, Interviews und Videos über seine eigene Suchtgeschichte. Bezeichnend für ihn ist das hohe Maß an Ehrgeiz und Ehrlichkeit, dass er in seine Arbeit legt. Doch irgendwann wurde es seinem Körper zuviel, Hubertus Koch fühlte sich vollkommen ausgebrannt. Jetzt legt er mit „Lost Boy“ seinen ersten Roman über diese Zeit vor und schaut auf seiner Lesereise auch in Jena vorbei.

Hubertus Koch: Vor ungefähr fünf Jahren. Zu der Zeit habe ich mit Burnout meinen Job gekündigt und alle Zelte hinter mir rigoros abgebrochen. Ich bin einfach abgehauen, mit einem One Way-Flugticket nach Sarajevo. Auf meiner anschließenden Reise habe ich mir wie in einem Tagebuch in Echtzeit den Frust von der Seele geschrieben. An diese Skizzen und Fragmente habe ich mich nach der Reise immer wieder gesetzt und versucht, das alles in eine Story bringen.

Hubertus Koch: Kann man so sagen. Einmal während meiner Auszeit und dann noch einmal auf einer gewissen Metaebene, in der ich zusätzlich versuche die Bedeutung von Arbeit, Beziehungen, Konsum oder Social Media zu reflektieren – eben all das, was mich als Medienmensch so beschäftigt.

Hubertus Koch: Komplett anders als das, was ich bislang gemacht habe. Trotzdem fühlt es sich natürlich erst einmal gut an, weil es eine große Form der Selbstverwirklichung ist und im Grunde alles aus einem selbst entsteht. Bei journalistischen Beiträgen hat man zumindest ein Thema vorgegeben, die Orte oder Protagonisten sind dementsprechend meist vorbestimmt und die eigene persönliche Geschichte kommt nicht zur Geltung. Beim Schreiben hingegen existiert zunächst nur ein weißes Blatt Papier und sonst nichts.

Hubertus Koch stellt seinen ersten Roman „Lost Boy“ in Jena vor.
Foto: Bastian Bochinski

Hubertus Koch: Ich habe zu Beginn meiner Reise alle Social-Media-Apps gelöscht und mir gesagt: wenn ich zum Handy greife, dann nur um in meiner Notizapp festzuhalten was mich bewegt oder was ich gerade sehe. Und das habe ich fast ununterbrochen getan. Als ich das Material anschließend ausgearbeitet habe, versuchte ich immer das richtige Momentum abzupassen, um in Schreiblaune zu sein. Das wurde aber immer wieder unterbrochen von meiner eigentlichen Arbeit. Richtig intensiv wurde es, als der Verlag das Manuskript angenommen und ich auf einmal eine Deadline für das Buch hatte. Ich habe schon versucht in geregelten Abläufen am Buch zu arbeiten, aber meinen Alltag zu strukturieren fällt mir generell noch schwer.

Hubertus Koch: Ich schreibe mein Leben lang schon Tagebuch und kann meine letzten 15 Jahre schon allein deswegen jederzeit rekapitulieren. Sowas hat ja viel mit Selbstkonfrontation zu tun – schreiben, was man fühlt. Damals war das viel Frust, Wut, Ärger und Verzweiflung. Um die Frage zu beantworten: Selbsttherapie trifft es schon ziemlich genau.

Hubertus Koch: Ja, es ist sehr nah dran an dem, was ich wollte – nämlich ein in erster Linie trotz der Hintergründe unterhaltsames Buch zu schreiben, was die Leute gerne lesen und welches im besten Fall auch fesselnd ist. Es gibt also was zum Lachen und Weinen, zum Nachdenken und zum Aufregen.

Hubertus Koch: Auf jeden Fall. Ich meine, ich habe durch meine Filme schon eine gewisse Öffentlichkeit und kenne Reaktionen jeder Art. Aber alles, was ich bisher an Rückmeldungen bekommen habe, war abstraktes Onlinefeedback und fast nur in Kommentarspalten zu finden. Ich stand noch nie für meine eigene Arbeit auf einer richtigen Bühne. Wenn ich auf ein Panel gebucht werde und dort rede, ist das etwas völlig anderes, als wenn Leute für mein Buch Eintritt zahlen. Das macht mich schon sehr nervös, aber noch mehr vorfreudig. Ich finde ja cool, was im Buch drin steht. Und das möchte ich den Leuten langsam auch mal zeigen.

Interview: Michael Stocker

Hubertus Koch – Lost Boy: Lesung am 31.03.2025 um 20 Uhr im Trafo Jena, Nollendorfer Straße 30. Tickets sowie weitere Informationen sind erhältlich unter www.10000volt.de!

Dieses Interview erschien in Ausgabe 167 im Stadtmagazin 07.
Teaserfoto: Bastian Bochinski