Ein Kultfilm als Vorlage: Hass / Μίσος / Ură

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Ausgehend vom französischen Film ‚La Haine – Der Hass‘, der in diesem Jahr sein 30-jähriges Jubiläum feiert, begibt sich das Theaterhaus Jena in der ersten Premiere des Jahres 2026 auf eine Spurensuche nach Lobeda. Wie sieht das Leben dort aus? Welche vorherrschenden Probleme gibt es? Wer ist Freund, wer ist Feind? Und wird Lobeda außerhalb seiner eigenen Peripherie überhaupt wahrgenommen?

‚La Haine‘ ist ein französischer Film aus dem Jahr 1995 und zeigt 24 Stunden im Leben der drei Jugendlichen Vinz, Saïd und Hubert in den Vororten von Paris. Ihr Alltag ist geprägt von Diskriminierung, Perspektivlosigkeit, Drogen und Gewalt. Aufgrund seiner eindringlichen und schonungslosen Erzählweise sowie seiner Schwarz-Weiß-Ästhetik und seines Hip-Hop-Soundtracks wurde der Film schnell zu einer Art Kult bei Jugendlichen in den Vorstädten und erhielt zugleich viel Lob von Kritikern im Feuilleton. „Wir schauen in unserer Inszenierung ‚Hass / Μίσος / Ură‘ genau 30 Jahre später, in einem anderen Land und in einer anderen Situation, erneut auf einige der Themen, die im Film behandelt werden“, erklärt Regisseur Daniele Szeredy. „Unser Stück dreht sich um marginalisierte Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer wirtschaftlichen Lage an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Die Umgebung des Films waren die Vorstädte von Paris. Wir als ein Theater in der Stadt Jena verlagern unsere Peripherie hingegen nach Lobeda.“

Paris und Jena – das mag zunächst wie eine ungleiche Gegenüberstellung erscheinen. Paris zählt mit seinem angeschlossenen Großraum rund 12 Millionen Menschen, während das kleine Jena gerade so den Großstadtstatus erreicht. Doch auch im beschaulichen Thüringen existieren reale Probleme in den Randzonen fernab der belebten Innenstadt.

Für die Inszenierung kooperierte das Theaterhaus mit der Friedrich-Schiller-Universität Jena, hier speziell mit dem Masterstudiengang ‚Professionelles Schreiben‘. Die Studierenden übernahmen die Recherche vor Ort und schrieben anschließend in den Seminaren Szenen und Skizzen, die in die Probenfassung übertragen wurden. Diese wird in zwei weitere Sprachen übersetzt, nämlich Griechisch und Rumänisch, denn das sind neben dem Deutschen die Sprachen, die auf der Bühne gesprochen werden – daher auch der Titel: Hass / Μίσος / Ură.

„ich sehe was, was du nicht siehst“ – Die markante Fassade in an der Stadtrodaer Straße in Jena-Lobeda.
Foto: Michael Stocker

„In einer ersten Recherchephase sprachen die Studierenden mit Einwohnerinnen und Einwohnern aus Lobeda und ließen die Gespräche in ihre Texte einfließen. In einer weiteren Analyse wurden die Gespräche fortgesetzt, diesmal jedoch mit Akteurinnen und Akteuren des Stadtbildes in Lobeda: mit ‚Emils Ecke‘, dem Studentenclub mit Beratungsangebot für Alle, mit der Stadtteilgewerkschaft und auch mit der Polizei. Wir wollten herausfinden, wie es in Jenas einwohnerstärkstem Stadtteil wirklich aussieht, welche Probleme und Sorgen es gibt und dabei so viele Perspektiven wie möglich hören“, so Daniele Daniele Szeredy.

Weiterhin ist die Inszenierung auch Teil eines erneuten Theateraustauschs, denn in dieser Spielzeit kooperiert das Theaterhaus Jena mit der griechischen Theatercompany Spectrum AMKE. Parallel zum Stück in Jena entsteht im Theatro Technis in Athen die Inszenierung ‚24 hours in a world that doesn’t belong to us‘. Auch hier wird thematisch vom Film ‚La Haine‘ ausgegangen – und es wird spannend sein zu sehen, wie in Griechenland an die Themen herangegangen wird. Anfang April wird die griechische Produktion am Theaterhaus gezeigt, Ende Mai geht die Jenaer Produktion auf Reise nach Athen. Daniele Szeredy hat dazu noch weitere freudige Nachrichten: „Zusätzlich haben wir vor Kurzem für unsere Inszenierung die Zusage für eine Förderung durch die Kulturstiftung des Bundes erhalten. Darüber freuen wir uns wirklich sehr.“

Und wie wird das Stück aussehen? „Auf der Bühne treffen sich drei junge Menschen – und wir begleiten diese durch den Tag“, so der Regisseur in einem Ausblick. „Sie begeben sich auf eine Reise an bekannte Orte in Jena. Das Ganze wird, wie die Filmvorlage auch, übrigens sehr musikalisch.“ Dafür arbeitet das Theaterhaus mit Simon Schwan alias Sorbas zusammen. Der in Essen geborene und aufgewachsene Musiker und Schauspieler orientiert sich dabei vollkommen am Rap, der tonangebenden Musik der Hochhaussiedlungen in ganz Europa – genau, wie es auch im Film ‚La Haine‘ zu hören ist.

Hass / Μίσος / Ură: am 23. Januar 2026 um 19 Uhr (Hauptprobe), am 29. Januar 2026 um 20 Uhr (Premiere) sowie am 31. Januar, 05. Februar, 06. Februar, 07. Februar, 12. Februar und 14. Februar 2026 um jeweils 20 Uhr am Theaterhaus Jena, Schillergäßchen 1. Tickets sowie weitere Informationen sind zu finden unter www.theaterhaus-jena.de!

Text: Michael Stocker
Dieser Artikel erschien in Ausgabe 175 im Stadtmagazin 07.