Zeit für Entdeckungen. Teil 4

127

Winterzeit ist bekanntlich Lesezeit. Ein behagliches Plätzchen, eine Kanne warmen Tee und ein gutes Buch – mehr braucht es häufig nicht, um es sich in der dunklen Jahreszeit gut gehen zu lassen. Grund genug, Sie hier zusätzlich zu den allmonatigen Büchertipps unserer Printausgabe noch mit ein paar zusätzlichen Leseempfehlungen zu versorgen.

Ein Kindheitsdenkmal: Sandra Rummlers „Seid befreit“

Wenn die eigene Heimat verschwindet, das Land, das diese Heimat ausgemacht hat, jedoch bleibt – in vielen Dingen sogar unverändert bleibt, dann macht das etwas mit den Menschen, die an diesem Ort, in diesem plötzlich gewandelten Land aufgewachsen sind. Mitunter führt dies dazu, dass die einen sich über diesen Wandel freuen, andere eben diesem nachtrauern, viele zumindest jedoch eine Zeit lang um Orientierung ringen müssen. 

In Sandra Rummlers vor Kurzem erschienenen Graphic Novel ist dieser Prozess der Neuverortung bereits im Titel angelegt: In zwei Worten fasst „Seid befreit“ das zusammen, was Tausende in der DDR aufgewachsene Menschen erfahren und durchleben mussten – eine Zeit vor und eine Zeit nach dem Mauerfall. Jeder für sich, jeder ein Stück anders, doch alle irgendwie auch ähnlich von diesem Imperativ gepackt: Erst „Seid bereit!“, dann „Seid befreit!“. Wie etwa Mo, Jahrgang 1976, aufgewachsen in Ostberlin in unmittelbarer Nähe der Mauer, dort, wo die ‘bekannte Welt‘ für sie ihr Ende hat. Die Eltern arbeiten beide im Staatsdienst, sie selbst ist ein braves Pionierkind, das nicht aneckt, gut in der Schule ist, versucht, allen Erwartungen gerecht zu werden. Ostberlin erweist sich für Mo als ein ruhiger Ort, ruhig und dunkel, ein Ort, an dem man als Kind unbekümmert auf der Straße spielen kann. 

Sandra Rummler: „Seid befreit“
avant Verlag, 260 Seiten (brosch.)
Bild: Verlag

Doch äußere Veränderungen bringen nicht nur einen Wandel in Mos Lebenswirklichkeit, sondern auch in ihr selbst hervor: Plötzlich sind die Grenzen der alten bekannten Welt verschwunden, Heimat ist jetzt ein gesamtdeutscher Ort geworden, der Westen seltsamerweise kein reiner Ort der Fantasie mehr, aber längst auch kein Ort, an dem für Mo nur eitel Sonnenschein herrscht. Nein, inmitten dieser ambivalenten neuen Welt muss auch sie, die Heranwachsende, lernen, das Alte mit dem Neuen abzugleichen, sich neu zu finden.

Irgendwann am Ende dieser Coming-of-Age-Geschichte – Mo ist schon längst angekommen in der ‘neuen Heimat‘, genießt die gewonnene Freiheit, ist aber immer wieder auch irritiert oder gar überfordert von der Härte und Grellheit des erlebten Systemwechsels – äußert sie den Wunsch, noch einmal in die Heimat ihrer Kindheit zurückkehren zu können, nur für einen Tag und eine Nacht. Und in gewisser Weise ist es auch genau das, was uns Sandra Rummler mit ihrer autobiografisch geprägten Graphic Novel „Seid befreit“ ermöglicht: eine farben- und nuancenreiche, aquarellartig bebilderte Wanderung durch Berlin in verschiedenen Zeiten. Ganz ohne Gejammer, ganz ohne unverdiente Glorifizierung. Ein kunstvoll ausgearbeitetes, in sich stimmiges Wendezeiten-Porträt, mit dem die Autorin ihrer eigenen Kindheit ein ganz unsentimentales (Bilder)Denkmal gesetzt hat.

Sandra Rummler: „Seid befreit“

avant Verlag, 260 Seiten (brosch.)