Zeit für Entdeckungen. Teil 7

165

Winterzeit ist bekanntlich Lesezeit. Ein behagliches Plätzchen, eine Kanne warmen Tee und ein gutes Buch – mehr braucht es häufig nicht, um es sich in der dunklen Jahreszeit gut gehen zu lassen. Grund genug, Sie hier zusätzlich zu den allmonatigen Büchertipps unserer Printausgabe noch mit ein paar zusätzlichen Leseempfehlungen zu versorgen.

Eine echte Lügenbaronin: Friedemann Karigs „Die Lügnerin“

Wenn ein Roman schon den Titel „Die Lügnerin“ trägt und diesem dann obendrein auch noch die Anmerkung vorangestellt wird, nichts darin sei wahr, dennoch stimme alles – dann sollte dies der Leserschaft gleichermaßen Warnung und Vorbereitung sein: Dass man hierin möglicherweise an eine Geschichte gerät, die womöglich im Fahrwasser jener ‘Urlügengeschichte‘ von Baron Münchhausen laviert und man überdies darin mit einer Figur konfrontiert wird, die derart virtuos mit den vermeintlichen Antagonisten Wahrheit und Lüge umzugehen versteht, dass man letzten Endes Gefahr läuft, selbst nicht mehr genau unterscheiden zu können, was hier jetzt Lüge und was Wahrheit ist – oder ob beide nicht eigentlich gemeinsam unter einer Decke stecken und wie ein Wackelbild der Wirklichkeit dieselbe Seite der Münze zieren.

Friedemann Karin: „Die Lügnerin“
Ullstein, 224 Seiten (geb.)
Bild: Verlag

Und in gewisser Weise ist es auch genau das, was einem widerfährt, wenn man in Friedmann Karigs Geschichte eintaucht. Seine Lügnerin – Clara Konrad nennt sie sich uns gegenüber, einfach weil es so schön melodiös klingt – ist eine sehr einnehmende Person: Man hängt ihr bereits an den Lippen, noch bevor die ersten drei Seiten erzählt sind. Clara Konrad erzählt ihre Lebensbeichte sicher auch uns, ihr unmittelbares Gegenüber ist jedoch eine Therapeutin in einer abgelegenen Privatklinik, der sie von einer außergewöhnlichen Fähigkeit berichtet: Sie sei imstande, so gut lügen, dass alles, was sie vorträgt, über kurz oder lang wahr wird. Mit jeder weiteren Sitzung, in der sie ihre Lebensbeichte ablegt – eine irr- und aberwitzige Geschichte voller Manipulation und höchst seltsamer Zufälle, die von Clara Konrad verblüffend überzeugend vorgetragen wird – wird ihre Therapeutin unsicherer. Was, wenn all das, was diese Frau sagt, tatsächlich die Wahrheit ist?

Wer meint, stets sofort zu erkennen, wenn ihm bzw. ihr eine Lüge aufgetischt wird, sollte unbedingt Bekanntschaft mit Friedemann Karigs neuem Roman machen. Ebenso alle, die einmal so richtig gekonnt an der Nase herumgeführt werden wollen. „Die Lügnerin“ ist eine perfekt entworfene Geschichte mit allem, was dazugehört, um in einen umfassenden und sehr befriedigenden Leserausch zu verfallen.…

Friedemann Karig: „Die Lügnerin“

Ullstein, 224 Seiten (geb.)