Leben in der Provinz

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Im April sind gleich zwei neue Stücke am Theaterhaus Jena zu sehen. Beide sind Teil eines deutsch-ungarischen Theateraustauschs zwischen Jena und Budapest. Bevor aber die Inszenierung aus Ungarn aufgeführt wird, betritt in „Herscht 07769“ der Protagonist in einem Ort die Bühne, die frappierende Ähnlichkeit mit der Jenaer Nachbarstadt Kahla aufweist.

Es sind eigentlich nur zwei Dinge, welche die fiktive Stadt Kana vom Thüringer Örtchen Kahla im 2021 erschienenen Roman „Herscht 07769“ unterscheiden: das h und das l wurden durch ein n ersetzt – und in der Postleitzahl wurde aus der 8 eine 9. Das sind aber auch schon die gravierendsten Veränderungen, welche der ungarische Autor László Krasznahorkai vorgenommen hat, denn die Straßen, die Gebäude und auch die Geschichte der Stadt – unverkennbar verbunden mit einem großen Porzellanwerk – sind detailreich und genau beschrieben.

In eben diesem Kana lebt Florian Herscht. Die zunehmend entmutigenden wirtschaftlichen und sozialen Rückschläge der Stadt haben im Laufe der Zeit Neonazis angelockt. Herscht meint, Freunde sowohl in der faschistischen Gruppierung als auch in der städtischen Gesellschaft zu haben und kämpft darum, die letzten Fäden des sozialen Lebens zusammenzuhalten. Doch die Neonazi-Gruppe beginnt sich zunehmend zu radikalisieren – und Herschts Welt gerät ins Wanken.

Szene aus den Proben zu „Herscht 07769“.
Foto: Line Urbanek

Warum hat Autor László Krasznahorkai sich gerade das thüringische Städtchen Kahla als Spiegelbild ausgesucht und nicht einen der vielen Orte in Brandenburg oder Sachsen-Anhalt, deren Schicksal sicher ähnlich, wenn nicht gar gleich ist? „Es haben sich wohl zwei Punkte getroffen“, berichtet Regisseur Daniele Szeredy über den Autor des Romans. „Krasznahorkai wurde in der ungarischen Provinz geboren und seine ersten Geschichten sind genau in dieser angesiedelt. Politische und gesellschaftliche Umbrüche in ländlichen Gegenden haben ihn schon immer interessiert. Aber eigentlich hatte er vor, einen Bach-Roman zu schreiben. Auf seiner Recherchetour durch Thüringen ist ihm laut eigenen Aussagen der Protagonist begegnet, den er literarisch in Kana ein Zuhause gegeben hat.“

Um den Roman für die Bühne zu adaptieren, musste das Theaterhaus eine ungewöhnliche Hürde nehmen – denn im Buch gibt es zwar tausende Kommas, aber nur einen Punkt. „Der Roman besteht aus nur einem Satz. Das hat natürlich einen ganz eigenen Sprachfluss zur Folge, den wir im Stück durchbrechen müssen. Zudem kommen im Buch unglaublich viele Figuren vor. Wir möchten aber die Konzentration auf die Orte des Geschehens legen. Was uns an dem literarischen Stoff nämlich am Meisten interessiert, ist der Perspektivwechsel. Eine ortsfremde Person wie Krasznahorkai fängt an, über eine fremde Stadt zu erzählen: Was beeindruckt ihn, was erschreckt ihn? Und wieso beginnt eine Gruppe von Menschen, sich zu radikalisieren – und ab wann bemerkt die Gesellschaft diesen Prozess?“

Dazu haben die TheatermacherInnen das Buch in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil wird die Geschichte aus der Sicht von Herscht und der Stadtgesellschaft von Kana erzählt, im zweiten Teil hingegen aus der Sicht der Neonazi-Gruppe. Daniele Szeredy: „Uns geht es gar nicht so sehr um die Nazi-Symbolik, sondern um die Frage, wie eine Gruppe sich unter einem vermeintlich starken Anführer verhält. Muss sie irgendwann zwangsläufig beginnen, sich und die Stadt negativ zu verändern?“ Im dritten Teil, dem Showdown, gipfelt dann alles in einem nicht ganz unblutigem Showdown.

Die Inszenierung ist Teil eines Theateraustauschs mit dem freien Theater Örkény Színház Budapest, deren Produktion „Sokszor nem halunk meg“ (dt: Oft sterben wir nicht) am 17., 18. und 19. April am Theaterhaus gezeigt wird. Beide Stücke wurden über einen längeren Zeitraum zusammen konzipiert, „Herscht 07769“ wird nach den Aufführungen in Jena auch in Ungarn zu sehen sein. Der Austausch beinhaltet zudem, das zwei Schauspielende aus Ungarn in „Herscht“ und mit Ioana Nițulescu sowie Florian Thongsap Welsch wiederum zwei Spielende aus dem Jenaer Ensemble im Stück aus Ungarn mitwirken. Auch die Ausstattung ist eine Gemeinschaftsarbeit und wird in beiden Stücken von Luca Szabados übernommen.

In den Inszenierungen werden die Spielenden ihre Parts in ihren jeweiligen Heimatsprachen sprechen. Natürlich wird aber übersetzt und das ganze Stück zusätzlich sogar durchgängig in Englisch untertitelt.

Herscht 07769: am 03.04. (Premiere), 05.04., 10.04., 11.04. und 12.04.2025 um jeweils 20 Uhr im Theaterhaus Jena. Tickets sowie weitere Informationen sind zu finden unter www.theaterhaus-jena.de!

Text: Michael Stocker
Dieser Artikel erschien in Ausgabe 168 im Stadtmagazin 07.