Bruch mit den Regeln – Das Sommerspektakel des Theaterhauses Jena (Teil 1)

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In zwei Tagen ist es endlich wieder soweit: mit dem alljährlichen Theaterspektakel zur Eröffnung der Kulturarena 2026 – diesmal mit der Inszenierung „Kassandra: coming of age at the end of the world“ – steht ein neues Highlight des Theaterhauses Jena in den Startlöchern. Wir blicken mit Regisseurin Azeret Koua und Choreografin Jasmin Avissar auf die Inszenierung voraus.

Wer den Namen Kassandra hört, denkt sicher meist an den Romanklassiker von Christa Wolf oder an Friedrich Schillers gleichnamiges Gedicht. Beiden Werken ist gemein, dass sie sich an der tragischen Figur Kassandra aus der griechischen Mythologie bedienen. Doch beim Sommerspektakel des Theaterhauses Jena wird weder Christa Wolf noch Friedrich Schiller inszeniert. „Ich bin dem Namen Kassandra in der Literatur immer wieder begegnet und habe mir die Frage gestellt: Wer ist sie überhaupt? Also habe ich begonnen, ihr hinterher zu recherchieren. Ich hatte eine enorme Neugier, Kassandra zu entdecken“, erläutert Azeret Koua.

Regisseurin Azeret Koua.
Foto: Oskar Schlechter

Was die Regisseurin in ihrer Recherche herausfand, verarbeitete sie gemeinsam mit Dramaturgin Marion Hélène Weber zu einer ganz eigenen Kassandra-Version. „Wir haben uns die mythologische Gestalt als Inspirationsquelle genommen. Entstanden ist eine Coming-of-Age-Geschichte übers Erwachsenwerden, die voller Leichtigkeit beginnt. Aber wie im echten Leben wird Kassandra im Laufe ihres Älterwerdens auch mit düsteren Zeiten konfrontiert.“

Choreografin Jasmin Avissar ist besonders von der Perspektive fasziniert, die Kassandra in der Inszenierung einnimmt. „Der Fokus liegt ganz klar auf einer weiblichen Sichtweise. Frauen machen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung aus und sind dennoch bis heute die größte marginalisierte Gruppe. Warum werden ihre Stimmen unterdrückt? Kassandra bringt in diese Frage einen völlig neuen Blickwinkel.“ Einen Blickwinkel nämlich, der etablierte Strukturen radikal hinterfragt. „In unserem Leben wird alles verhandelt, alles hat einen Preis und nichts ist selbstverständlich. Dagegen kämpft Kassandra an: Wer bestimmt die Regeln, nach denen wir leben? Wer hat entschieden, wie unser Zusammenleben funktioniert? Schon in den ersten Proben habe ich festgestellt, dass auch ich mit dieser Inszenierung wachse, weil ich mir nun selbst vermehrt diese Fragen stelle.“

Choreografin Jasmin Avissar.
Foto: Laurent Ziegler

Einen Bruch mit dem Gewohnten unternimmt auch das Theaterhaus, denn das Sommerspektakel wird diesmal nicht wie üblich um 21.30 Uhr beginnen, sondern bereits um 20 Uhr – und wird zusätzlich eine Pause beinhalten. „Schon der Einlass wird fließender Bestandteil des Stücks. Auch die Pause gehört fest zur Inszenierung, wobei das Publikum diesen Rahmen gar nicht zwingend als solchen wahrnehmen muss. Denn während die Gäste des Spektakels durchatmen, dreht sich die Welt auf der Bühne einfach weiter“, so Azeret Koua. Ein spannendes Konzept und eine charmante Idee, die den gesamten Abend zu einem Gesamtkunstwerk werden lässt, statt ihn durch ein Zeitkorsett mit striktem Beginn und Ende zu begrenzen.

Jasmin Avissar freut sich auf viele tolle Momente während des Spektakels. „Zwischen dem Publikum und dem Ensemble wird eine ganz besondere Dynamik entstehen“, ist sie überzeugt. „Das, was auf der Bühne geschieht, und das, was in den Köpfen der Menschen daraus entsteht, begegnet sich in der Mitte. Alle bringen ihre eigene Geschichte mit – und so verwandelt sich das Sommerspektakel in einen lebendigen Treffpunkt von Erinnerungen, Erzählungen und Identitäten. Genau diese Wechselwirkung macht Theater so spannend und wird auch unsere Inszenierung bereichern.“

Die Arbeiten von Azeret Koua zeichnen sich stets durch eine hohe Musikalität aus. „Ich verstehe die Musik beim Theater eher als Soundtrack“, erklärt die Regisseurin. „Wenn ein Stück großflächig mit Songs und Sounds unterlegt ist, bekommt Stille auf einmal eine ganz andere Bedeutung. Das versuche ich in den Inszenierungen immer zu nutzen.“ Auf der Bühne wird ein Chor mit 34 Teilnehmenden aller Altersgruppen aus Jena und Umgebung zu hören sein, der sich in einem Casting-Workshop zusammengefunden hat. Dieses Ensemble fungiert jedoch nicht als typischer Gesangschor, sondern ist fest in das Geschehen integriert – als Sinnbild für die Gesellschaft, in der Kassandra lebt. Eine Liveband sorgt zusätzlich für eine intensive Atmosphäre, während der Circus MoMoLo durch artistische Elemente weitere Ausdrucksmittel in die Inszenierung einbringen wird!

Kassandra: coming of age at the end of the world: am 08. Juli (Premiere), 09. Juli, 10. Juli, 11. Juli und 12. Juli 2026 um jeweils 20 Uhr auf dem Theatervorplatz in Jena. Die Premiere ist ausverkauft. Tickets für die weiteren Aufführungen sowie weitere Informationen sind zu finden unter www.theaterhaus-jena.de!

Dieser Text erschien in Ausgabe 180 im Stadtmagazin 07.
Teasergrafik: Giovanna Bolliger