Die Produktion des Sommerspektakels des Theaterhauses Jena – gleichzeitig die Eröffnung der Kulturarena 2026 – fällt naturgemäß immer eine Nummer größer aus als die sonstigen Inszenierungen. Unter freiem Himmel ist nicht nur das Bühnenbild monumentaler, es wirken auch Disziplinen mit, die sonst eher selten in den Aufführungen des Theaterhauses zu sehen sind.
Das diesjährige Open-Air-Spektakel mit dem langen Titel „Kassandra: coming of age at the end of the world“ erweckt den tragischen griechischen Mythos der Kassandra zu neuem Leben. Vom rebellischen Mädchen in den Gassen Trojas entwickelt sich Kassandra zur Frau, die sich gegen alles Unrecht auflehnt. Als Strafe für ihren Widerstand wird sie verflucht, die Zukunft zu sehen – doch niemand glaubt ihren Visionen vom Untergang ihrer Welt. Regisseurin Azeret Koua inszeniert mit dem Ensemble des Theaterhauses und einer Live-Band ein bildgewaltiges und musikalisches Stück über das Erwachsenwerden, weibliche Wut, Gemeinschaft und den Mut zum Widerstand. Um die Intensität auf die Bühne zu bringen, verstärken unter anderem ein FLINTA*-Chor und die Artistin Esther Sambale vom Jenaer Circus MoMoLo die Produktion.
Moderner (Theater)Zirkus
Das Konzept des 2006 gegründeten Circus MoMoLo verbindet klassische und zeitgenössische Zirkuselemente mit Theater, Tanz und Musik. Dazu gehört auch der Chinesische Mast, der zu den anspruchsvollsten Formen der Luft- und Bodenakrobatik gehört und an dem dynamische Sprünge, kopfüber stürzende Fallfiguren und kraftvolle Halteelemente ausgeführt werden. Genau diese Kunstform wird es auch in „Kassandra“ zu sehen geben.

Foto: Tina Peißker
„Mit Regisseurin Azeret Koua habe ich bereits zum letztjährigen Composé-Festival unseres Circus MoMoLo gearbeitet, eine Kooperation mit dem Theaterhaus gibt es aber schon seit längerer Zeit“, erklärt Luis Lenin Campana Castro. „Während der Zusammenarbeit haben wir schnell gemerkt, dass wir weitere Projekte entwickeln möchten. Deshalb habe ich mich sehr gefreut, als kurz darauf die Anfrage zur Mitwirkung am Sommerspektakel kam.“ Der Zirkuspädagoge betreut hierfür Artistin Esther Sambale vom Circus MoMoLo, welche als Gast eine tragende Rolle im Stück übernehmen wird. Unterstützung gibt es zudem für Thato Kämmerer vom Theaterhaus: Auch sie wird den Mast erklimmen und wird dafür extra gecoacht. „Das Theaterhaus hatte natürlich eine genaue Vorstellung davon, wie die artistischen Einlagen aussehen sollen. Wir haben geschaut, ob wir das auf dem Theatervorplatz umsetzen können und ob es möglich ist, alle Spielenden so weit in der Artistik zu unterrichten, dass die Akrobatik zur Premiere sitzt.“
Lautstarker Chor
Denn neben dem Ensemble des Theaterhauses bereichert beim Sommerspektakel auch ein großer FLINTA*-Chor die Bühne. Dabei beschränkt sich der Chor keineswegs nur auf Musik, wie Chorleiterin Lucca Linke verrät: „Es ist nicht nur ein Gesangschor, sondern auch ein Bewegungschor, der im Laufe des Stücks sowohl kleinere als auch größere darstellerische Rollen übernimmt. Kassandra lebt in der Stadt Troja, der Chor bildet gleichzeitig auch die weibliche Einwohnerschaft der Stadt.“

Foto: Sandra Eichenseher
Der Chor hat sich über einen Casting-Tag gefunden, dem Aufruf zur Bewerbung folgten sage und schreibe 42 Personen. Damit alle Beteiligten eine Vorstellung von den Anforderungen des Open-Air-Spektakels bekamen, wurden direkt Workshops für Gesang, Choreografie und Sprache absolviert. „Nun bilden 29 Personen den finalen Chor“, so Lucca Linke. „Es wären noch einige mehr gewesen, aber die Proben müssen für Laien natürlich auch mit dem Berufs- und Privatleben in Einklang zu bringen sein.“
Zeitlich hat es eine solche Produktion für die Mitwirkenden nämlich durchaus in sich. Proben finden zweimal, in der Anfangsphase sogar dreimal wöchentlich statt. In einer zusätzlichen Recording-Session wurden einzelne Stimmen im Studio aufgenommen und werden in der Inszenierung als atmosphärischer Hintergrundsound eingespielt. „Der Chor hat stimmlich alles aus sich herausgeholt, um die einzelnen Szenen zu unterstreichen“, erklärt die Chorleiterin. „Das Spektrum reicht von lieblichen Klängen bis zu schmerzvollen Schreien. Es ist wirklich stark, was da geschafft wurde.“
Es wird also mächtig was los sein auf dem Theatervorplatz am Schillergäßchen. Beeindruckend, was hier für den Jenaer Theater-Höhepunkt des Jahres alles auf die Beine gestellt wird – ein echtes Spektakel eben, das man nicht verpassen sollte!
Kassandra: coming of age at the end of the world: am 08. Juli (Premiere), 09. Juli, 10. Juli, 11. Juli und 12. Juli 2026 um jeweils 20 Uhr auf dem Theatervorplatz in Jena. Die Premiere ist bereits ausverkauft. Tickets für die weiteren Aufführungen sowie weitere Informationen sind zu finden unter www.theaterhaus-jena.de!
Dieser Text erschien in Ausgabe 181 im Stadtmagazin 07.
Teasergrafik: Giovanna Bolliger











































































































































































































