Als ein harmloses Frühstück die Stasi auf den Plan rief

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Vor 40 Jahren löste die Volkspolizei das Jenaer Open-Air-Frühstück auf. Eine neue Folge des Videopodcasts „Backstage DDR“ erinnert an die Opposition unter dem Kirchendach.

Ein gemeinsames Frühstück unter freiem Himmel auf einem öffentlichen Platz im Zentrum Jenas: Kaffeekannen standen auf den Tischen, Brotkörbe wurden herumgereicht, Zeitungen lagen aus, dazu Musik auf der Geige und der Gitarre. Was heute kaum Aufmerksamkeit erregen würde, genügte am 12. Juli 1986, um Volkspolizei und Staatssicherheit auf den Plan zu rufen. Vor 40 Jahren lösten die Sicherheitsorgane der DDR das „1. Spontane Jenaer Open-Air-Frühstück“ auf – ein Ereignis, das beispielhaft zeigt, wie misstrauisch die SED-Diktatur auf jede Form selbstorganisierten öffentlichen Lebens reagierte.

Mehr als zwanzig junge Menschen aus der alternativen Jenaer Jugend- und Kulturszene hatten sich an jenem Sonntagmorgen auf dem Platz der Kosmonauten (heute Eichplatz) versammelt. Das Frühstück war keine politische Demonstration, sondern der Versuch, dem grauen, reglementierten Alltag der DDR für einige Stunden etwas Eigenes und Lebendiges entgegenzusetzen. Einer der Beteiligten erinnerte sich später: Man habe „irgendwas machen“ wollen, „was dieser grauen Stadt ’n bisschen etwas Bunteres gibt, irgendwas mit mehr Leben“.

Etwa eine Viertelstunde später erschienen die ersten Volkspolizisten, kontrollierten die Teilnehmer und nahmen ihre Personalien auf. Schließlich wurde das Open-Air-Frühstück von der Polizei aufgelöst. Gegen zahlreiche Beteiligte verhängten die Behörden Ordnungsstrafen von bis zu 500 Mark. Einige erhielten den sogenannten PM-12-Ersatzausweis – ein Dokument, das normalerweise aus der Haft entlassenen Straftätern ausgestellt wurde und sie im Alltag erheblich benachteiligte. Wie ernst die Sicherheitsorgane die Aktion nahmen, zeigt das Schicksal des Musikers Oliver Jahn von der Band „Airtramp“: Er wurde am nächsten Morgen aus seiner Wohnung geholt und zwölf Stunden lang verhört. Die Staatssicherheit verdächtigte ihn, einer der Organisatoren und sogar ein Agent des Bundesnachrichtendienstes zu sein. Der Druck auf Jahn und seine Bandkollegen wurde so groß, dass sie keine andere Möglichkeit mehr sahen, als die Ausbürgerung zu beantragen und schließlich 1987 nach West-Berlin auszureisen.

Das Jenaer Open Air-Frühstück am 12. Juli 1986.
Foto: Thüringer Archiv für Zeitgeschichte „Matthias Domaschk“ | ThürAZ-FM-PH-01-95.2

Das Jenaer Open-Air-Frühstück steht exemplarisch für den Umgang der SED-Diktatur mit unangepassten Jugendlichen. Nicht politische Parolen lösten das Einschreiten der Sicherheitskräfte aus, sondern die Tatsache, dass junge Menschen den öffentlichen Raum selbstbestimmt nutzten und sich außerhalb der staatlich kontrollierten Jugendorganisationen trafen.

Die Teilnehmer kamen aus der Jenaer Alternativszene, deren Treffpunkte private Wohnungen, Kneipen sowie die Junge Gemeinde Stadtmitte und die Offene Arbeit der evangelischen Kirche waren. Für viele wurde die Erfahrung staatlicher Repression zum Ausgangspunkt weiteren politischen Engagements. Weil unabhängige politische und gesellschaftliche Aktivitäten außerhalb staatlicher Organisationen kaum möglich waren, öffneten mancherorts Kirchengemeinden ihre Räume für junge Menschen, die über Frieden, Umwelt, Menschenrechte und andere Themen diskutierten, die in der DDR tabuisiert oder propagandistisch verzerrt wurden.

Aus Anlass des 40. Jahrestags des Open-Air-Frühstücks veröffentlicht die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur die neue Folge ihres Videopodcasts „Backstage DDR“. Unter dem Titel „Unter dem Kirchendach: Opposition in der DDR“ zeigt sie, warum die evangelischen Kirchen zu den wenigen Orten gehörten, an denen freier Austausch, Kritik und unabhängiges gesellschaftliches Engagement möglich waren. Historiker und Zeitzeugen schildern, wie sich unter dem Dach der Kirche jene oppositionellen Gruppen entwickeln konnten, die der Friedlichen Revolution von 1989 entscheidende Impulse gaben.

(Direktlink: https://www.youtube.com/watch?v=bC7GtcQPwlg)

Die neue Folge von „Backstage DDR“ ist ab sofort über den folgenden Link abrufbar: www.bundesstiftung-aufarbeitung.de!

Text: PM Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur | Thüringer Archiv für Zeitgeschichte „Matthias Domaschk“