Zeit für Entdeckungen. Teil 2

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Winterzeit ist bekanntlich Lesezeit. Ein behagliches Plätzchen, eine Kanne warmen Tee und ein gutes Buch – mehr braucht es häufig nicht, um es sich in der dunklen Jahreszeit gut gehen zu lassen. Grund genug, Sie hier zusätzlich zu den allmonatigen Büchertipps unserer Printausgabe noch mit ein paar zusätzlichen Leseempfehlungen zu versorgen.

Ein Heiliger? Ein Narr? – Anne Webers „Kirio“

Manche kannten Anne Weber vorher schon als Autorin wortgewandter, kluger Romane; viele erst seit ihrem 2020 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman „Annette, ein Heldinnenepos“. Für die einen wie auch für die anderen mit Folgen: Wer einmal in den Bann ihres Erzählens gekommen ist, will auch alles anderes lesen, was sie veröffentlicht hat, noch veröffentlichen wird. Da trifft es sich gut, dass der Berliner Verlag Matthes & Seitz dieser Tage den 2017 erschienenen Romans „Kirio“ neuaufgelegt hat – und zumindest allen Spätentdeckern die Entdeckung eines weiteren Weberschen Kleinods ermöglicht.

Anne Weber: „Kirio“
Matthes & Seitz Berlin
222 Seiten (geb.)
Bild: Verlag

Von der „Süddeutschen Zeitung“ seinerzeit als „leichtfüßig daherkommendes Kabinettstück zwischen Kindermärchen, Schelmenroman, Lebensweisheitsgleichnis und Heiligenlegende“ bezeichnet, erzählt der Roman anhand des titelgebenden Wunderkindes Kirio gleichermaßen spielerisch wie schwungvoll sprachgewandt vom Rätsel des Guten, das sich immer wieder dazu anschickt, völlig unerwartet in die Welt zu plauzen. Kirio – nun, Kirio ist einer, der seiner eigenen Wunderbar- und Wundersamkeit selbst gar nicht gewahr ist, diese einfach unbewusst in seiner Umgebung entfaltet. Das fängt schon mit seiner Ankunft an: Ein anonymer Telefonanruf verkündet der Mutter, dass es nun passiert sei, sie nun schwanger sei. Bereits mit drei Jahren kann Kirio schreiben und lesen, seinen ersten Satz bringt er aber erst mit sieben hervor. Am liebsten bewegt er sich auf Händen, stellt die Welt damit sprichwörtlich auf den Kopf, kann meist auch nicht laufen, ohne ein Rad zu schlagen. Ein Bündel quirliger Energie, ein wunderlicher Freigeist. Vom ersten Schultag an ist es ihm unmöglich Autoritäten zu ertragen, gleichwohl begegnet er dort wie auch anderswo allen mit einer derart vollendeten Freundlichkeit, dass diese davon mitunter schon wie vor den Kopf gestoßen wirken. Aber lange hält es Kirio ohnehin nicht in der Schule. Vom Wind lässt er sich in den Süden Frankreichs tragen, wo er in einer Höhle lebt, mit Pflanzen und Tieren spricht, einen Postboten als Freund gewinnt.

Später, körperlich und seelisch zu noch mehr Kirio herangereift, zieht es ihn umhervagabundieren nach Lyon, nach Paris und auch ins Hanau der Gebrüder Grimm – um allerorten die Menschen mit seiner wundersamen, unbändigen Fröhlichkeit zu verwirren, ins Staunen und Grübeln zu versetzen. Kirio ist zweifellos ein Mensch dieser Welt, irgendwie aber auch ein Stück mehr, omnipräsent in seiner absichtslosen Güte, ungreifbar für all die, die ihn halten wollen. Vielleicht ein Heiliger, vielleicht auch ein Narr, auf jeden Fall aber einer, der eine wundersame Wirkung auf seine Umgebung ausübt.

Allerdings nicht die einzige wunderliche, ungreifbare Figur in diesem Buch: Auch der Erzähler ist höchst rätselhaft. Eine Entität, die alles zu wissen scheint und dennoch lieber andere über Kirio erzählen lässt; eine Erzählfigur, die beredt alles zu kommentieren versteht, aber nicht weiß, wer oder was sie selbst ist. Damit bleibt es dem Lesenden überlassen, sich dieses erstaunliche, von Wortspielen durchsetzte, sprachgewandte Romanpuzzle über einen ungewöhnlichen Helden selbst zusammenzusetzen – was, Sie ahnen es bereits, eine große Freude bereitet.

Anne Weber: „Kirio“

Matthes & Seitz Berlin, 222 Seiten (geb.)