„Ich bin ein alter Sack, der seit Kindesbeinen ins Kino verliebt ist“

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Wenn die Tage kurz werden und der Halloween-Kürbis leuchtet, wird es Zeit, tief in die cineastische Mottenkiste zu greifen. Im Rahmen des 35mm-Kinos organisieren Tino Schmidt und Marcus Cislak am 22. Oktober einen Filmabend, der nicht nur einen kreuzfiesen Horrorfilm aus deutschen Landen bietet, sondern begrüßen zugleich DEN Filmgelehrten aus Bremen: Christian Keßler – Filmkritiker,-produzent und Verfasser von zahlreichen Büchern über das Horror- und Thrillerkino.

Interview: Marcus Cislak

Christian Keßler: Da bin ich strikt parteiisch, denn ich liebe das alte Kino! Nichts gegen Keanu Reeves, der wild in der Gegend herumwirbelt, aber mir gefällt das gemächliche Tempo, mit dem seine Vorläufer zu Werke gingen. Ich brauche Figuren, mit denen ich mich identifizieren kann, keine CGI-animierten Tausendsassas aus der Retorte. Zudem nervt mich die hohe Schnittfrequenz. Ich brauche Bilder, die zur Kontemplation einladen, und, mal im Ernst: Wer braucht Keanu Reeves, wenn er Herbert F. haben kann?

Keßler: Ich bin ein alter Sack, der schon seit Kindesbeinen ins Kino verliebt ist und irgendwann anfing, darüber zu schreiben. Zuerst war ich etwa 20 Jahre lang für das Berliner Filmmagazin „Splatting Image“ tätig, und danach waren das hauptsächlich Bücher. Mir ging es darum, meine Gedanken zu ordnen und über das zu berichten, was ich gut, wahr und schön finde, und im Idealfall gebe ich meine Begeisterung weiter an die Leser. Außerdem möchte ich schön, reich und berühmt werden, bislang leider erfolglos.

Keßler: Als Kind durfte ich niemals Gruselfilme sehen. So war es nur natürlich, dass ich später ein großes Interesse an Horrorfilmen verspürte. Gleichzeitig kuckte ich aber auch alles andere. Wenn es auf Film war, interessierte es mich. Das reichte von menschenfressenden Riesenkaninchen bis zu Fellini und Fassbinder, und so verhält sich das eigentlich noch immer.

Filmexperte Christian Keßler mit seinem Buch „Wurmparade auf dem Zombiehof“, das sich mit dem Genre Trashfilm beschäftigt.
Foto: Christian Keßler

Keßler: Ich hatte meine ersten Alpträume als kleiner Steppke. Es ging da um eine grüngesichtige Hexe, und irgendwie hatte das auch mit einem Mädchen zu tun, das mit Freunden eine gelbe Straße heruntertanzt. Dass es sich hier um den „Zauberer von Oz“ handelte, entdeckte ich erst viel später, aber das Licht musste häufig im Kinderzimmer an bleiben, wenn ich schlafen wollte.

Keßler: Mir wurde zugetragen, dass es dort sehr schön sein soll, weshalb ich mich vor der Veranstaltung dort auch noch etwas umsehen werde. Außerdem kenne und schätze ich den Song „Monster aus Jenaer Glas“ von Max Goldt, und von Goldt besungen zu werden, kommt einem Adelsschlag gleich!

Keßler: Zum einen mag ich es, meine Leser mal persönlich kennenzulernen. Die sind erfreulich unterschiedlichen Zuschnitts. Zum anderen sind meine Lesungen frei nach Schnauze, also eher improvisiert und in Gänsefüßchen. Das ist für mich unterhaltsamer, und hoffentlich auch für mein Publikum. Reine Lesungen finde ich eher nicht so prickelnd.

Keßler: Man verbindet meinen Namen eher mit Genrefilmen, gerne auch exotischen. Meine beiden Kriminalromane – eigentlich eher groteske Parodien à la Schneider oder Droste – sind die einzigen echten Flops, die ich meinem Verleger Martin Schmitz ins Nest gelegt habe. Das war wohl ein Fall von „Schuster, bleib bei deinen Leisten!“, auch wenn ich die Bücher total mag. Ich würde einige Sachen anders machen, aber selbst die Passagen, die ich jetzt als Irrtümer empfinde – etwa den albernen Prolog zum Noir-Buch –, erschienen mir damals als richtig, und ich glaube fest daran, dass alles irgendwie dazu gehört, auch die nicht so tollen Entscheidungen.

Keßler: Mein nächstes Buch wird voraussichtlich vom deutschen Kino handeln. Ursprünglich war angedacht, das Nachkriegskino komplett abzuhandeln und alles aufzuarbeiten, was sich angesammelt hat. Allerdings erschien es mir dann als wenig segenspendend, die Filme von Staudte und Käutner mit Sachen wie „Kasimir der Kuckuckskleber“ und „Wo der Wildbach durch das Höschen rauscht“ zusammenzupacken. Deshalb beschränke ich mich jetzt wohl auf die wilderen Sachen, werde aber Staudte und Käutner nicht unerwähnt lassen. Das Format, das ich wähle, erlaubt viele Bezugnahmen.

Keßler: Den geneigten Leser und die geneigte Leserin erwartet ein literarischer Ritt durch das spanische Horrorkino, in dem die üblichen Verdächtigen wie Paul Naschy oder die reitenden Leichen ebenso berücksichtigt werden wie echte Grenzgänger, die die Genrefilmmotive verwendeten, um sehr persönliche Filme zu machen, etwa solche, die sich gegen die politischen Irrfahrten des Landes wendeten. Da obendrein mexikanische, brasilianische und sonstwie südamerikanische Filme enthalten sind, ist mit einem vermehrten Aufkommen von Ringkämpfern mit lustigen Masken und Totengräbern mit bedenklichem Menschenbild zu rechnen. Und ja, ein paar Bücher nehme ich natürlich mit!

Horror-Sneak – „Filmbilder kritisch kontextualisieren – anstatt sie unreflektiert zu konsumieren“. Moderierter Filmabend mit Christian Keßler und einem 35mm-Überraschungsfilm: am 22.10.2026 um 19.30 Uhr im Kino im Schillerhof, Helmbolstraße 1. Tickets sowie weitere Informationen sind zu finden unter www.schillerhof.org!